November 15, 2009 | In: Affirmation, Hans Blazejewski, Kritisches
Wie wir einst gut und böse gemacht wurden
Wie wir einst gut und böse gemacht wurden?
Lesen Sie, wie es mir und vielleicht Ihnen ergangen ist.
Ich bin nicht gut noch böse – ich bin wie ich bin, so lautet eine Affirmation auf einer meiner Postkarten im Sichtweise Verlag.
Ich bin nicht gut noch böse – ich bin wie ich bin. Dieser Satz hat ganz viel mit unserer Kleinkinder-Zeit zu tun. Jene Jahre, in denen wir die ersten Bekanntschaften mit Geboten und Verboten der Erwachsenenwelt machen mußten.
Lob und Tadel! Zuckerbrot und Peitsche Lob, wenn überhaupt, spielt nur eine untergeordnete Rolle bei den Domestizierungsversuchen der Erwachsenen.
Geboren zur Freiheit, nur seinen unmittelbaren Bedürfnissen lebend, spontan und zeitlos, lacht, weint, schläft und ißt der neue Mensch. Er kennt weder Vergangenheit noch Zukunft. Ein junger Meister – vielleicht – in einem Zustand zu dem die Meister zurückfanden und ihn so benannten: ‘Wenn ich hungrig bin, dann esse ich und wenn ich Durst habe, so trinke ich.’
Nur leider ist der neue Erdenbürger mit diesem kleinen Schönheitsfehler geboren:
Der junge Meister ist für Jahre ein Pflegefall und somit Vorhang auf für das traurige Schurckenstück mit dem Arbeitstitel: ‘Wie verändere und verenge ich das menschliche Bewußtsein’.
Schon bald lernt er, daß er in den dunklen Keller kommt, wenn er nicht ißt, daß der böse Wolf es fressen wird, daß ihm beim onanieren die Hand abfaulen wird, daß dem Kind, das seine Hand gegen seine Eltern erhebt, die Hand aus dem Grab wachsen wird, daß es ihm ergehen wird wie weiland dem Suppenkaspar, daß ‘man’ nicht mit seinen Genitalien spielt (schon gar nicht mit denen anderer), daß ‘man’ nicht widerspricht, daß ‘man’ nicht’…. daß ‘man’ nicht …, daß ‘man’ nicht. Und mit Eifer und bedeutungsvoller Stimme erzählen Sie mit erhobenem Zeigefinger vom Suppenkasper, von Paulinchen, dem Struwelpeter und nicht zu vergessen von Max und Moritz, den beiden sogenannten Bösewichten.
Im Zusammenspiel mit ..Du sollst nicht/Du darfst, ..das ist Böse/Lieb, ..laß das/tu das, ..nimm das/laß das,…. und vor allem mit dem DU MUSST…, nimmt das Verbrechen an der Kindheit seinen Lauf. Und Niemand ist da, der Einhalt gebietet. Wie auch, ist doch das Kind quasi Eigentum der Erzieher.
So macht es seine ersten Erfahrungen mit der Bedrohung durch den Tod, (der Teufel holt dich, wenn..), entwickelt einen allmählich größer werdenden Schuldkomplex. ‘Ich bin Schuld daß Mami weint, und Mami weint weil ich Böse war und darum hat sie mich nicht mehr lieb. Mami soll mich aber ganz schnell wieder lieb haben’. Sind Ihnen solche Kindergedanken fremd? Wo ist nun der Ausweg für das hilflose Wesen? ‘Wenn Mami mich jetzt bestraft, dann ist alles wieder gut.’ Weinen könnte ich.
‘Der Teufel ist los’, wenn das Erziehungs-OBJEKT aus dem Ruder läuft und versucht sich der Ordnung der Autoritäten zu verweigern. Stellt es gar zu offen seinen eigenen Willen gegen den der ‘Machthaber’ kann die Hölle über es hereinbrechen, so es nicht ‘kompromißfähig’ ist.
Häufig wird dann das Bibelwort ‘Wer sein Kind liebt, züchtigt es’ praktisch angewandt.
D. Laing hat recht, wenn er feststellt, daß der Mensch nur ein verkümmertes, vertrocknetes Fragment dessen ist, was er sein könnte. Alexander Mitscherlich drückt das so aus:
Niemand kann leugnen, daß Einschüchterung, also die Hemmung des Neugierverhaltens, zu den konstanten Erziehungselementen unserer Gesellschaft gehört. Damit wird aber nicht nur faktische Informationsmöglichkeit beschnitten, sondern auch die Informationsbereitschaft selbst mehr oder weniger gelähmt. Konsequenterweise kann nunmehr nur eine Partialsozialisierung des Menschen erfolgen; denn was ich nicht kenne, daran vermag ich mich auch nicht gemäß dem Realitätsprinzip verstehend anzupassen.
Unsere Gesellschaft ist krank und unglücklich, und ich behaupte, daß die Wurzel des Übels die unfreie Familie ist. Von der Wiege an werden die Kinder von den Kräften der Reaktion und des Hasses abgestumpft. Sie werden dazu abgerichtet, das Leben zu verneinen, weil ihr junges Leben ein einziges langes Nein ist. Mach keinen Lärm, onaniere nicht, lüg nicht, stiehl nicht.
Strafende Autoritäten verankern das Gefühl einer bedrohlichen Umwelt, kreieren Bewährungsszenarien, erfinden irrationale Normen, erzeugen Existenzängste und Verdrängungsmechanismen, bedienen sich psychischer und physische Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele.
Ihr Rezept: Zuckerbrot und Peitsche. Der strafende/liebende Vater (die Autoritäten) und der strafende/liebende Gott zwei Begriffe, die sich das Kind gut merken wird.
In diesem unserem Lande benötigt der Mensch beispielsweise den Nachweis einer 3-jährigen Ausbildung um in einem Supermarkt als Fachverkäufer geführt zu werden, aber Kinder ‘erziehen’, das geht ohne.
1 Response to Wie wir einst gut und böse gemacht wurden
Franz Josef Neffe
November 8th, 2011 at 10:33 pm
“Wenn Du Deine Suppe nicht aufisst, bist Du kein braves Mädchen” Das ist eine einfache Wenn-dann-Konditionierung, die die Weichen fürs Leben neu stellt. Unbewusst. Und das Unbewusste kommt, Dank Pädagogik und ihrer Unfähigkeit damit, in unserem Bewusstsein nicht vor.
Wir wissen also jetzt, warum es in Deutschland keine braven Mädchen gibt. Jedes hat mal seine Suppe nichtg aufgegessen.
So einfach schafft man WIRKlichkeiten.
Statt uns die Hauptrolle in unserem Leben spielen zu lassen, lenkt man uns ständig mit Statistrenrollen im Leben anderer von unserer Hauptaufgabe ab. Man macht uns zu dem, was wir NICHT SIND. Dass wir diese Rollen SCHLECHT spielen und dauernd mit “Kritik” darauf fixiert werden, löst das Problem nicht, dass wir DIE HAUPTROLLE IN UNSEREM LEBEN spielen müssen.
Als Ich-kann-Schule_Lehrer spiele ich die Hauptrolle in meinem Leben und genieße es, dass alle meine Schüler die Hauptrolle in ihrem Leben spielen. Jeder ist KönigIn in seinem Königreich. Wir verkehren sozusagen von Majestät zu Majestät. Als Majestäten stehen wir über den üblichen pädagogischen Quälereien.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe