April 21, 2009 | In: Religion
Was macht Darwin in der Eso-Abteilung

Was macht Darwin in der Eso-Abteilung?
Die Evolution ist überall
Die Sachbuchabteilungen sind gut gefüllt mit Büchern über Darwin, die Evolutionstheorie und ihren Gegenthesen. Was hat die Abteilung Ratgeber, Spiritualität und Esoterik denn dazu zu sagen? Gibt es denn nur eine biologische Evolution oder gehört auch eine Entwicklung des Bewusstseins dazu, eine geistig-kulturelle Evolution? Oder geht das eine nicht ohne das andere?
Die Idee einer Evolution, die besagt, dass die Arten eine gemeinsame Abstammung haben, gab es mindestens seit dem 6. Jahrhundert vor Christus, die von dem griechischen Philosophen Anaximander vertreten wurde. Im 18. Jahrhundert wurden diese Ideen vielfältig weiterentwickelt. Aber erst 1809 vertrat Lamarck die Auffassung, dass die Umwandlung und Entwicklung von Arten durch Vererbung von Anpassungen geschieht, welche die Eltern während ihres Lebens erwerben. Diese Ideen wurden in England als eine Bedrohung der politischen und religiösen Ordnung betrachtet und vom wissenschaftlichen Establishment heftig bekämpft.
1858 präsentierten Charles Darwin und Alfred Russel Wallace gemeinsam zwei verschiedene Arbeiten zur Theorie der Evolution durch natürliche Selektion in der Linnean Society of London. Diese Veröffentlichung wurde wenig beachtet, ganz im Gegensatz zu dem von Darwin 1859 veröffentlichten Buch The Origin of Species, welches die Theorie sehr ausführlich darlegt und zu einer immer größeren Akzeptanz der Erkenntnis führte, dass es Evolution wirklich gab. Damit wurde vor gut 150 Jahren unsere Vorstellung vom Menschsein und Menschwerden grundlegend revolutioniert.
Amit Goswami, Professor für Physik an der Universität von Oregon und Mitglied des »Institute of Theoretical Science«, hat eine eigene, sehr revolutionäre Sicht der Dinge. Für ihn passiert Evolution in dem Moment, wenn Bewusstsein entsteht. Das gesamte physikalische Universum besteht nur in unzähligen Möglichkeiten. Erst als ein bewusste, fühlendes Wesens entstand, erst dann – genau dann, ganz plötzlich, entstand das gesamte Universum, wie wir es kennen, samt den 15 Milliarden Jahren Geschichte bis zum heutigen Zeitpunkt.
Um Goswmamis Konzept zu erläutern, stellen Sie sich für einen Augenblick die gesamte Geschichte des Universums vor. Nach allen zur Verfügung stehenden Daten ist es vor etwa fünfzehn Milliarden Jahren in einer gewaltigen Explosion entstanden und hat damit die Bühne für einen kosmischen Tanz von Energie und Licht geschaffen, der bis zum heutigen Tag andauert. Nun stellen Sie sich die Geschichte des Planeten Erde vor. Eine anfänglich amorphe, aus dem ursprünglichen Feuerball entstandene Staubwolke, verdichtete sich zu einem festen Ball, fand ihren Weg in eine von der Schwerkraft bestimmten Umlaufbahn um die Sonne, schuf in Milliarden von Jahren durch eine komplexe Interaktion zwischen Licht und Gasen eine Atmosphäre und eine Biosphäre, die nicht nur im Stande war, Leben zu erzeugen, sondern auch zu erhalten und zu vermehren.
Jetzt stellen Sie sich vor, dass nichts davon je geschehen ist. Nehmen Sie statt dessen an, dass die ganze Geschichte nur als ein abstraktes Potenzial vorhanden war – ein kosmischer Traum unter zahllosen anderen kosmischen Träumen – bis sich Leben in diesem Traum in irgendeiner Weise bis zu dem Punkt entwickelte, an dem ein bewusstes, fühlendes Wesen entstand. In diesem Augenblick, einzig und allein aufgrund der Beobachtung durch dieses Wesen, entstand plötzlich das gesamte Universum, einschließlich der gesamten Geschichte, die diesem Augenblick vorausging. Nichts war bis zu diesem Augenblick jemals geschehen. In diesem Augenblick allerdings ereigneten sich fünfzehn Milliarden Jahre. Dem Physiker Amit Goswami zufolge ist die obige Beschreibung eine wissenschaftlich haltbare Erklärung der Entstehung des Universums.
Wie viele andere, die sich dieser Sichtweise anschließen, ist Goswami überzeugt, dass das Universum, um zu existieren, eines bewussten fühlenden Wesens bedarf, das seiner gewahr ist. Er postuliert, dass es ohne Beobachter nur als Möglichkeit besteht.
Amit Goswami meint das buchstäblich so. »Ich habe dem noch das Konzept der ›Selbstreferenz‹ hinzugefügt. Es kommt immer die Frage: ›Das Universum soll angeblich seit 15 Milliarden Jahren bestehen, wenn es nun also des Bewusstseins bedarf, um Möglichkeit in Aktualität zu verwandeln, wie kann dann das Universum schon so lange vorhanden sein?‹ Denn es gab kein Bewusstsein, kein fühlendes Sein, biologisches Sein, kein auf Kohlenstoff aufgebautes Sein in diesem ursprünglichen Feuerball, dem Urknall, der unser gesamtes Universum geschaffen haben soll. Aber die andere Art, auf die man die Dinge sehen kann, sagt aus, dass das Universum eine Möglichkeit blieb. Erst die Schau eines Beobachters ist wesentlich, um eine Möglichkeit in Aktualität zu verwandeln – also nur wenn der Beobachter schaut, manifestiert sich das alles – inklusive der Zeit. Daher wird die gesamte Vergangenheit sozusagen in genau dem Moment manifest, wenn das erste fühlende Wesen schaut.
Diesen Gedanken gibt es schon lange, auf eine sehr subtile, verborgene Weise, in der Kosmologie und Astronomie, als ›anthrophisches Prinzip‹ getarnt. Astronomen sind immer mehr der Ansicht – Kosmologen ohnedies – dass das Universum eine Absicht hat. Es ist derart feingestimmt, es gibt so viele Übereinstimmungen, dass es durchaus den Anschein hat, das Universum gehe so zielstrebig vor, als ob es sich auf eine Weise entwickelt hätte, die dann einmal zum Entstehen eines fühlenden Wesens führte. Nun, wir Menschen sind wohl noch nicht der Weisheit letzter Schluss, aber wir sind sicher ein erstes Ergebnis. Mit dem Menschen gibt es die Möglichkeit kreativer Manifestation, Kreativität im fühlenden Wesen selbst. Auch Tiere sind sicher fühlende Wesen, aber sie sind nicht in dem Sinn kreativ wie wir Menschen es sind. Die Menschen sind daher derzeit sicher ein Kapitelabschnitt in der Geschichte der Evolution, aber das bedeutet nicht, dass sie bereits das letzte Kapitel sind. Ich glaube, wir haben noch einen weiten Weg vor uns und es wird noch eine lange Evolution stattfinden.«
In vielen Gedankenrichtungen von der Ökologie bis zur Systhemtheorie geht der Ansatz in die entgegengesetzte Richtung, nämlich der Verbundenheit von allem, einer Wechselbeziehung, wobei die Bedeutung eines einzelnen Teils des Ganzen – auch einer Spezies wie der menschlichen Gattung – nicht so sehr von Bedeutung ist. Goswami sagt: »Diese Ansichten verunglimpfen Gott im Grunde, da sie Gott auf die immanente Realität reduzieren. Vordergründig klingt es gut, da alles göttlich wird – die Felsen, die Bäume, bis hin zu den Menschen, und alle sind gleich und göttlich – das hört sich gut an, entspricht aber nicht dem, was die spirituellen Lehrer wussten. In der Bhagavad Gita sagt Krishna zu Arjuna: ›Alle diese Dinge sind Ich, aber Ich bin nicht in ihnen.‹ Was will er damit sagen? Gemeint ist: ›Ich bin nicht ausschließlich in ihnen.‹
Es gibt daher eine Evolution, anders gesagt: Manifeste Realität. Evolution findet statt. Das heißt, dass die Amöbe natürlich auch eine Manifestation des Bewusstseins ist und ebenso das menschliche Wesen. Aber sie befinden sich nicht auf derselben Stufe. Vom Standpunkt der Evolution aus sind wir eben der Amöbe voraus. Und diese Theorien einer ökologischen Weltsicht wollen das nicht wahrhaben. Sie verstehen nicht, was Evolution ist, da sie die transzendente Dimension negieren. Sie ignorieren die Sinngerichtetheit des Universums, das kreative Spiel.«
Ein Gastbeitrag von Christiane Schöniger zum Darwin-Jahr 2009
Frau Schöniger ist Inhaberin der Media Agentur Schöniger + Herausgeberin: Sichtung – Das IdeenMagazin
Quelle: Sichtung April 2009 – Interview mit Amit Goswami in What is enlightment?
1 Response to Was macht Darwin in der Eso-Abteilung
florian
April 21st, 2009 at 10:44 am
“Astronomen sind immer mehr der Ansicht – Kosmologen ohnedies – dass das Universum eine Absicht hat.”
Äh…. nein – sind sie nicht. Zumindest ist mir keiner bekannt, der das glaubt (und als Astronom kenne ich doch einige)