November 19, 2011 | In: Engel, Hans Blazejewski
Lisa-Mimmi bekommt ein Klavier

Lisa Mimmi bekommt ein Klavier – eine weitere Folge aus dem Leben von Lisa-Mimmi und ihrem Hellmut
»Hellmeleen, wer bekommen bald een Klaveer« ruft Lisa Mimmi aus dem Bad. Ich war grad den Sportteil am lesen. Den Kommentar. War aber mehr was wie wunschhafte Hellseherei oder so. Bochum wird Deutscher Fußballmeister. Höhö! Die spinnen, die Römer, denk ich. Niemals! Eher SV Erle 08, wenn die mal in die Pötte kommen und endlich aufsteigen. Hab ich früher in Gelsenkirchen-Buer-Erle bei denen auf dem Platz gestanden, als meine Tante Grete noch nich totgestorben war.
Sag ich, mehr so ein zischen, mehr so ein Scherz, als Antwort auf meine Lisa-Mimmi: »Was? Schon wieder schwanger? Wersn diesmal? Wann isses soweit?«
Jetzt kommt meine ehemalige Verlobte aus dem Badezimmer, noch die Lockenwickler an. Sie nimmt mir die Zeitung vom Gesicht, macht so was wie ein V-Zeichen mit Zeige und Mittelfinger der rechten Hand, und hält mir die Finger vors Gesicht Dann zeigt sie mit energischer Geste auf ihre Augen. Boäh denk ich, die sticht sich in die Augen.
»Na, geht doch, Hellmeleen«, sagt sie. Dann ganz langsam, für mich zum mithören: »Hellmeleen, wer bekommen een Klaveer. So een Deng met schwarzen und weeßen Tasten und wenn man damet speelt, dann est das dee Klaveermusek«.
Ihre grünlichen Augen funkeln mich an und ich weiß, jeder Widerstand ist zwecklos. Trotzdem probiere ich es. Ich kanns nicht lassen.
Ich sage: »Was! Wieso ein Klavier? Du kannst doch gar nicht spielen.« Oh Mann, jetzt bekomme ich aber mein Fett:
»Weeso muß eener Klaveer speelen können, wenn eener een Klaveer besetzen well? Hellmeleen laß mech ausreden! Emmer unterbreechst du mech. Typesch Mann. Aber met mer nech, daß sag ech der! Een Klaveer est schön. Een Klaveer seeht gut aus, besonders wenn em Frühleng Blumen draufstehen en eener hübschen Vase, mang dee Notenbüchers.«
Jetzt steh ich auf. Geh langsam auf sie zu, fasse sie unter das Kinn, so mit gekrümmtem Zeigefinger. Dann drück ich ihren Kopf so bißchen was nach oben, so daß sie, die sitzt, zu mir aufsehen muß und dann sage ich:
»Ach, hat unser kleines Lisa-Mimmi ganz vergessen, daß wir nicht immer Frühling haben? So ein kleines Dummerchen. Und woher nimmt unser kleines Dummerchen überhaupt die Blumen? Klauen, oder was?! Mit mir nicht und schon gar nicht gekauft. Son abgeschnittenes totes Zeug. Du, du Handlangerin aller Blumenmörder.«
Das kann sie gar nicht haben, wenn ich ihr so von oben komme. Sie bleibt aber diesmal ganz ruhig und während ich weiter reden will, sagt sie mit eins: »Deene Hose est auf.« Dann höhnt sie: »Hähähä! Standpauke met offener Hose. Mal was ganz Neues. Nee Hellmelen, ech kann speelen.« Dabei nimmt sie mit zwei Fingern den Zipper von meinem Hosendings und zieht mich näher zu sich heran und fragt: »Soll ech der was vorspeelen?«
»Jetzt nich«, sag ich unwirsch und ziehe mit energischem Ruck den Reißverschluß zu. »Aha, selbst est der Mann«, muß ich mir von ihr noch nachsagen lassen.
Vom Klavier redeten wir nicht mehr. Ich mußte ja auch gleich zum Kirchenchor.
Nach dem Singen und nach dem Stammtisch, ich also wieder die Treppen hoch. Aber schon als ich die Haustüre aufmache, wird mir so komisch. Gelächter kommt von weiter oben. Stimmengewirr und Lisa Mimmis bekannte Lache, die immer ein wenig schrill klingt. Eine Lache, mit der sie bei Bedarf jedes andere Geräusch übertönt.
Ich, die Treppe hoch, immer zwei Stufen auf eins, und dann:
Ich glaub ich sehe Geister. Ich glaub ich träume. Ich bin aber so was von betrunken. Gleich kommen lila gestreifte Mäuse geflogen um mir mit ihren Elefantenohren Luft zuzufächeln. Ich sehe ein Klavier. Ich sehe Lisa-Mimmi. Meine Lisa-Mimmi! Ich sehe viele Leute um sie herum, die mich alle anstarren. Vor unserer Wohnungstür. Mutter, ich glaub mir geht es nicht gut. Hol einen Arzt, schnell!
Jetzt ist es ganz still und in die Stille hinein sagt Lisa-Mimmi auf mich: »Tatata!! Große Überraschung! Ech kann doch en echt Klaveer speelen.« Und dann haut sie in die Tasten und spielt und singt:
»Oh, wee well ech treumpheeren, wenn see dech zum Rechtplatz führen und deen Hälschen schnüren zu; und deen Hälschen schnüren zu. Hüpfen well ech, lachen, sprengen und een Freudenleedchen sengen, denn nun hab ech vor der Ruh.« Irgendwas aus einer Oper oder so. Sagte ich schon, daß Lisa-Mimmi schon immer Sinn für makabren Humor hatte?
Dann schaut sie ganz feierlich und spielt den Hochzeitsmarsch. Ganz ohne Noten. PohÄh!
Jetzt ist sie fertig und bevor die Leute klatschen können, holt sie einen Blumenstrauß unter dem Klavier hervor und drückt ihn mir in die Hand, dabei ruft sie, vor allen Leuten:
»Hellmeleen ech danke der, daß du es bes jetzt met mer ausgehalten hast.«
»Wieso ausgehalten?«, frage ich ganz dumm, fast ungläubig.
»Ja, Du Leeber, hast du ganz vergessen, daß heute vor 20 Jahren unser Hochzeetstag war, necht mitgezählt dee ganzen Jahre vorher, wo wer uns ausprobeert haben?«
Nun geht sie in die Wohnung, kommt zurück mit Gläsern und paar Flaschen Sekt auf unserem Servierwagen und dann ist es hoch hergegangen. Gesprächsweise erfahre ich, daß das Klavier von der Nachbarschen von Gegenüber stammt, die es entsorgen wollte. Nu, und da haben die beiden Frauen eben das ganze Haus gebeten, mal mit anzufassen. Alle haben dann das Klavier, aber ganz piano, rübergetragen. Meinswegen auch geschoben.
Eine lange Nacht ist es geworden. Aber schön. Erst auf dem Flur, dann in unserer Wohnung und noch später als wir beide allein waren.
»Und nun zeeg ech der mal wee ech speelen kann, ganz ohne Noten,« sagt Lisa Mimmi und grient ganz frech. Dann greift sie den Zipper an meinem Hosenreißverschluß und zieht mich zu sich heran. Ich schau ihr in die Augen und sag ganz leise: » Lisa-Mimmi, laß uns das Lied vom kleinen Tod spielen.«
In der Frühe, Lisa Mimmi schlief noch, (mit einem seeligen Lächeln in ihrem Sommersprossengesicht, rein zum Knuddeln) ich an den PC. Ja, ich kann jetzt auch PC. Gleich den Sichtweise-Verlag angeklickt. Ich hab dafür eine Buchmarke, oder wie das heißt, vor paar Tagen gesetzt. In der Marke steht www.sichtweise-verlag.de drin. Hab dort online paar Engelbilder bestellt. Mit Paypal bezahlt. Das kann ich jetzt auch.
Drei Tage später lagen die Engel in meinem Briefkasten. Den Engel der Zukunft hab ich dann genommen und was in die Karte reingeschrieben. Dann Samstag beim Blumenmörder zwanzig rote Rosen gekauft. Die Engelkarte drangebammelt. Alles in eine Vase und auf den Frühstückstisch gestellt, so vor ihren Platz.
Das glaubt keiner, wie meine Lisa-Mimmi sich gefreut hat. Auch sofort die Engelkarte gesehen und gelesen. Gleich sind ihr die Tränen gekullert. Die kommen immer, wenn sie was gerührt ist.
»Heer lees mal«, sagt sie auf mich, und dann haben wir beide uns das gegenseitig vorgelesen, was da stand.
Ich mach da kein Geheimnis draus, auch mir kamen Wasser aus den Augen, so schön war das da geschrieben.
Nachher haben wir gemeinsam die Blumenvase auf unser Klavier gestellt, ‚mang dee Notenbüchers’.
3 Responses to Lisa-Mimmi bekommt ein Klavier
Gabriele-Diana Bode
November 21st, 2011 at 8:33 am
…wundervoll, herrlich zu lesen!!! …und was stand auf der Karte? *neugierigichbin* – LGrüße
Gabriele Bruns-Härig
November 23rd, 2011 at 1:33 pm
Wieder mal herzerfrischend köstlich diese Fortsetzung von und mit Lisa Mimmi! Lange drauf gewartet… aber es hat sich gelohnt (wieder mal)
Liebe Seelengrüße… bin gespannt auf neue Episoden, Gabriele
Admin
November 23rd, 2011 at 9:44 pm
Liebe Gabi, was Du aber auch wissen willst. Ehrlich. Ich weiß es nicht. Du willst doch nicht, daß ich mir was ausdenke, oder?
Hellmut hätte es mir schon gesagt, aber Lisa-Mimmi hat ihm den Mund zugehalten und als er trotzdem was nuscheln konnte (ich habs nicht verstanden) hat sie ihn einfach stillgeküsst. Und in die Karte hat sie mich auch nicht gucken lassen.