August 12, 2009 | In: Kritisches, Satire
Ich wähle – also bin ich. Aber was?

Ich wähle, also bin ich was
Demnächst steh ich vor der Wahl. Ich kann, ich darf, ich soll wählen.
Feurige Liebhaber, graumelierte Weise, starke Macher, blonde, schwarze und rothaarige weibliche Wesen umgarnen mich und buhlen um meine Gunst. In meine Ohren werden sie allerlei hübsche Versprechungen flüstern und versuchen, mich in ihre Lotterbetten zu ziehen.
Liebe und Aufmerksamkeit in nie gekanntem Ausmaß werden sie mich spüren lassen. Von Links, von Rechts, aus der Mitte, vor allem von Oben (nur nicht von Unten, denn da stehe ich selbst), werden Sie HIER! HIER! Und ICH! ICH! Rufen und dabei in den feinsten Farben, wie Schwarz, Rot, Grün, Braun, Gelb gekleidet sein. Aufspielen werden sie mir zum Tanz, so daß ich kaum den Heuboden verlassen möchte.
Ach, was werde ich eine schöne Braut sein. Umschwärmen werden sie mich, die Herren und Damen in ihren schnieken Outfitten. Und wie sie einander meine Mitgift neiden. Anschwärzen werden sie sich gegenseitig und in aller Öffentlichkeit mit Schlamm und Unrat bewerfen, wie weiland die Stadtbürger, die nach getanem Geschäft den Inhalt ihre Pißpötte durch die Fenster auf die Straße schütteten. Es wird eine Freud sein, der Brautstand. Gut wird es mir gehen, denn ich werde meine Macht zu spüren bekommen.
Wer mich gewinnt, hat ausgesorgt, denn Dienstwagen, Auslandsreisen, Diäten und Pensionen, Aufsichtsratssitzungen und dergl. werden großzügig auf meine Kosten verteilt werden.
Ich werde ihn nicht vorzeitig hervorholen, meinen Aschenblödel-Schuh und einen Freier anluchtern, auch wenn sie mich noch so sehr locken mit Luftballons, Plakaten, Kugelschreibern und all ihrem anderen Tand. Sollen sie ruhig anständig oder gar unanständig um mich balzen! Sollen sie nur kräftig tanzen, denn in diesem Jahr bin ich das Kalb, das golden macht.
Ich, der Souverän, habe die Wahl und mit energischen und schnellen Strichen werde ich, Teil des herbeigelaufenen Volkes, meine Macht ausüben und sehr geheim meine Kreuze machen, sodann den gefalteten Zettel durch einen langen Schlitz in eine große viereckige Pappkiste werfen, welche von mehr oder minder Wichtigmenschen bewacht wird.
Der Feierlichkeit des demokratischen Augenblicks bewußt, werde ich vergessen, mein Lachen zurückzufordern, welches versehentlich mit in die Pappkiste gefallen ist. Nun werde ich für die nächsten Jahre nichts mehr zu lachen haben. Der homo politicus wird es ergreifen und sich nun ins Fäustchen lachen.
Nach der Wahl, ganz gleich danach
Die Gewinner der Wahl hatten es mal wieder schon vorher gewußt und sahen ihre Politik bestätigt. Die Anderen sagten wieder einmal nicht, daß ihre Politik dem mündigen Bürger nicht gefallen hätte, sondern meinten: Der Wähler habe die Sachlage nicht verstanden, evtl. auch habe man ihm, dem Wähler, in der letzten Periode die Zielsetzung der Partei so und so nicht deutlich machen können.
Zuletzt sprachen alle Redner den lieben Wählerinnen und Wählern ihren Dank für das gezeigte Vertrauen aus, ausdrücklich auch denen, die uns diesmal noch nicht wählten.
Die Kanzlerin, das ZDF, die ARD, erklären zum Abschluß der Wahlsendungen: alles in allem sei man mit dem Wahlausgang zufrieden. Der mündige Wähler habe die Bewährungsprobe bestanden, die Demokratie habe gesiegt und alle Demokraten müßten nun zusammenhalten.