November 9, 2010 | In: Engel

Engelchen und Teufelchen

 

Einmal, da hat ein Engelchen unter einem Baum gesessen. So einem Baum, der zufällig an einem tiefen Abgrund herumgestanden hat. Irgendwo auf der Erde. 
Es sitzt da so, das Engelchen, und betrachtet die bunten Vögel, wie sie von Ast zu Ast hüpfen. Staunt über die Flugkünste einer Libelle und grad als es den Finger hinhält, damit ein müder Schmetterling sich darauf ausruhen möge, da raschelte es im nahen Gebüsch. 

‚Nee’, hat es gedacht’, das ist mir jetzt aber grad nicht recht, wenn wer daherkommt. Ich bin ja zum ersten Mal hier und ich kenne doch noch niemanden’.
Just, als es davon fliegen wollte, denn es war ihm doch etwas unheimlich, stand auf einmal ein kleines Teufelchen neben ihm.
Neugierig schauten sich bei an. Lange. Ohne Worte. Endlich sagte das Teufelchen:  
"Hallo", sagte es, "diese Dinger auf deinem Rücken, sind das Flügel? Schöne sehen die aus. Kannst Du damit fliegen?"
"Natürlich", erwiderte das Engelchen, "wozu hätte ich die denn sonst? Ich bin ein Engel. Engel können fliegen. Alle können das! Wohin sie wollen, wenn der Petrus nicht die Himmelstür versperrt hat. Das macht er manchmal. Nur so, glaube ich."
"Na, ich dachte, vielleicht brauchst du die Flügel, damit du dir Luft zufächeln kannst", erwiderte das Teufelchen. "Bei euch ist es doch sicher auch sehr heiß."
"Wieso heiß? Dort wo ich herkomme, ist es immer gleichmäßig warm, die Sonne scheint immerzu, alle sind freundlich zueinander und außerdem singen wir dauernd Halleluja. Das ist schön."
"Ach", sagt das Teufelchen, "hast Du es gut. Bei mir zu Hause ist es höllisch heiß. Immer! Und immer müssen wir die armen Seelen im Feuer braten."
"Oh, das tut mir aber jetzt leid“, sagte das Engelchen.
Dann schwiegen sie wieder. Ziemlich lange sogar.
Endlich ist das Engelchen zur Seite gerutscht, hat auf den freien Platz neben sich gezeigt und gesagt:
"Komm! Setz dich zu mir".
Nachdem sie noch mehr geschwiegen hatten, fragt das Teufelchen, etwa so:
"Du! Engelchen! Willst Du mein Freund sein?"
Zuerst war das Engelchen verwirrt, denn es hatte noch nie einen Freund gehabt, aber dann dachte es:
"Warum nicht? Jesus hat ja auch Freunde, wie etwa den Petrus und die Magda."
Darum sagte es einfach: "Oh Danke! Sehr gerne".
Und es sagte noch: "Soll ich dir mal zeigen wie ich fliegen kann?" und hat erst gar nicht die Antwort seines neuen Freundes abgewartet sondern ist gleich mit einem lauten Juchzer losgeflogen.
So leicht und so locker ist es gesaust. Rauf und runter. Nach links und nach rechts und mehrmals um den kleinen Teufel drumherum, daß der sich gar nicht satt daran sehen konnte.
Als das Engelchen, noch ganz außer Atem, wieder neben ihm saß, da hat das Teufelchen gemeint:
"Du! Das sah aber schön aus". Und es hat noch ganz traurig hinzugefügt: "Ich kann das leider nicht. Ich kann nur Feuer machen und Seelen braten."
Jetzt ist das Engelchen ganz dicht an seinen Freund herangerutscht. Hat es in die Arme genommen und leise gesagt: "Sei nicht traurig, wenn ich groß bin, dann bin ich stark und kann dich überall hin mitnehmen. Und wenn ich vorher ein paar Flügel finde, die keinem anderen Engel gehören, dann sollst du sie haben. Oder, vielleicht schenkt der Chef dir welche, wenn ich ihn darum bitte."
Wie hat sich das Teufelchen aber gefreut und in die Hände geklatscht, daß der Kohlenstaub nur so geflogen ist. Es ist nur so gehüpft und dann hat es dem Engelchen einen Kuß auf die Wange gegeben. So: Mmmphffsss.
"Jetzt muß ich aber los," hat es gerufen, "sonst schimpft mich die Großmutter aus oder sie haut mich wieder. Die ist immer so gemein zu mir. Ganz gemein ist die."
Zum Abschied haben sie sich noch in die Hand versprochen, daß sie sich in der nächsten Woche um halb drei am gleichen Ort wieder treffen werden.

Das Engelchen bekam sogleich vor Aufregung einen engelhaften Schluckauf und ist bei jedem Kicks so etwa einen Meter hochgehüpft. Wie ein Gummiball. Das sah lustig aus und das Teufelchen mußte ganz viel kichern. Es hat versucht seinen Freund festzuhalten, damit der sich nicht an den herunterhängenden Ästens des Baumes weh tat. "Danke dir. Das ist aber lieb", hat das Engelchen zum Teufelchen gesagt. Und ist dann hui in den Himmel gefahren. Hat noch "Tschüss bis nächste Woche um halb drei" zum Teufelchen hinuntergerufen.

Grad, als es durch die Himmelstür sausen wollte, stand da der Petrus. Der hat gleich den schwarzen Kußmund gesehen, den das Teufelchen hinterlassen hatte.
Gesagt hat er nichts, auch nicht später zu seinem Chef. Aber ein Taschentuch hat er genommen, der Petrus. Zweimal hat er hineingespuckt und damit den Teufelskuß abgewischt.

So, ihr Lieben. Nächste Woche, oder später, erzähle ich euch von der Verabredung und davon, was das Engelchen seinem Freund mitgebracht hatte.

 

1 Response to Engelchen und Teufelchen

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seelenfrau3

Dezember 8th, 2010 at 10:04 am

Lieber Hans,

diese bezaubernde Geschichte hat mich sehr berührt… und dein einfühlsames Talent, dies so niederzuschreiben! Ganz dringend schwebt mit dieser neuen Freundschaft zwischen Engel und Teufelchen der Wunsch im Raum, daß du möglichst bald ein Kinderbuch herausbringst, bitte! Denn das möchte ich meinem Enkel vorlesen…wenn wir zusammen genüsslich und geborgen im großen Sessel knuspern und er sein Köpfchen an mich lehnt…den Worten lauschend.
Reserviere jetzt schon eines der ersten Exemplare!

Wärmende Seelengrüße, Gabriele

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