Juni 24, 2009 | In: Engel

Engel – gibt’s die? Predigt eines evangelischen Pfarrers.

 

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 Engel – gibt’s die?
Ich habe in den letzten Tagen auf dieses Thema meiner Predigt zwei sehr verschiedene Reaktionen bekommen. Die eine Reaktion: „Na hör mal, so eine Frage! Das ist doch ganz klar, daß es Engel gibt: Wie kann man da überhaupt eine Fragezeichen machen.!“ Und die andere Reaktion: „Was, du willst über Engel predigen? Werden wir jetzt ganz katholisch?!
 

 

Also, für die einen ist der Glaube an Engel etwas ganz Selbstverständliches, fraglos Sicheres – und die anderen finden das merkwürdig und denken, da Thema käme im evangelischen Glauben gar nicht vor, das wäre was typisch Katholisches oder nur Folklore oder Kitsch.
 

Nun muß ich als erstes festhalten: Die Reformatoren haben die Vorstellung von den Engeln nicht aufgegeben, Luther hat oft über Engel gepredigt, und auch in seinem berühmten Morgensegen kommt der „heilige Engel“ ja ausdrücklich vor. Die Reformatoren haben nur die Verehrung und Anbetung der Engel kritisiert, haben also insofern den damals wuchernden Engelsglauben etwas zurückgeschnitten und gesagt: Wichtiger als die Engel sind Gott und Christus, die sind entscheidend, die stehen über den Engeln. Und genau das ist auch die Aussage des Hebräerbriefes, wenn er betont, daß die Engel nur dienstbare Geister sind, die Gott und Christus dienen. Aber an der biblischen Vorstellung von Engel als solcher haben die Väter und Mütter der Reformation nicht gerüttelt. Auch wir Evangelischen haben den Michaelistag.
 

Als Zweites möchte ich aber zugleich sagen: Man muß nicht an Engel glauben. Ich weiß, daß für viele Christen die Vorstellung von Engeln problematisch ist, die können damit wenig anfangen, und da würde ich jetzt nicht sagen: Du mußt dich jetzt aber damit beschäftigen. Nein, das kann man auch auf sich beruhen lassen und dennoch ein guter Christ sein. Im Zentrum unseres Glaubens stehen die Engel nicht. Der Gedanke an die Engel soll ein Trost sein, keine Last.
 

Nun, und das ist das Erstaunliche, vielen fällt dieser Engelsglaube heutzutage überhaupt nicht schwer, im Gegenteil, sie finden es leicht und schön, mit Engeln zu rechnen, und die Umfragen sagen sogar, daß heutzutage bei uns mehr Leute an Engel glauben als an Gott! Gerade in den letzten Jahren hatte das Thema Engel richtig Konjunktur, denken Sie an die Esoterik und an die Werbung und an die Popmusik, aber auch an die moderne Kunst von Chagall bis zum späten Paul Klee und an die Literatur, etwa Rilke! Als ich dieser Tage in einer Buchhandlung nach neuen Büchern über Engel fragte, da hatte ich schwupp, gleich 10 Bücher auf dem Ladentisch liegen, und der Computer nannte über 300 lieferbare Bücher zum Thema Engel. Das hat heutzutage richtig Konjunktur.
 

Merkwürdig! Vor 30 Jahren in meinem Theologiestudium kam das Thema Engel fast gar nicht vor. Da galt das als eine überholte Vorstellung alter Zeiten, und man sagte, das paßt nicht in das moderne naturwissenschaftliche Weltbild. Und dieses sogenannte naturwissenschaftliche Weltbild, es war eigentlich genau genommen das Weltbild des 10. Jahrhunderts, das sagte: Die ganze Welt läuft ab wie eine große Maschine, da ist alles durch Gesetzte genau festgelegt, alles ist materiell und alles verläuft determiniert, das heißt nach dem Schema von Ursache und Wirkung, Geistige Kräfte gibt’s nur im Kopf von uns Menschen.
 

Das Spannende und Neue ist, daß dieses angebliche naturwissenschaftliche Weltbild inzwischen ins Wanken gekommen ist, und daß die Naturwissenschaftler uns inzwischen sagen: So festgefügt und festgelegt ist der Ablauf der Natur gar nicht, da gehorcht nicht alles dem Gesetzt von Ursache und Wirkung, da ist auch Raum für Spontanes, Neues, und da ist auch nicht nur Stoffliches, Materielles, da sich auch Geistiges in der Natur, nicht nur im Bewußtsein der Menschen, da gibt es Energieströme, Kraftfelder, ja und dann ist es plötzlich auch naturwissenschaftlich gar nicht so unmöglich, von positiven Mächten und guten Kräften in der Schöpfung zu reden, also von dem, was die Bibel „Engel“ nennt.
 

Ich will jetzt nicht von den Einzelheiten der biblischen Engelsvorstellungen sprechen. Das ist mir nicht so wichtig. Wichtig finde ich, daß wir heute, auch als aufgeklärte, naturwissenschaftlich geprägte durchaus damit rechnen können, daß es um uns herum nicht nur die Welt der Dinge gibt, die wir sehen können, sondern daß in unserer Welt ebenso eine geistige Wirklichkeit da ist, die uns umgibt und trägt. Und letztlich ist es dann egal, ob man sagt, das ist Gott selbst der da wirkt und die Engel sind nur ein Bild, ein Symbol für Gottes Wirksamkeit – oder ob man sagt, Gott schickt eben seine Kräfte, seine Boten, guten Mächte, seine Engel.
 

Es gibt ein sehr bekanntes evangelisches Engelslied, von dem nur die meisten gar nicht wissen, daß es von Engeln handelt. Ich meine Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgne“. Die guten Mächte – das sind die Engel. Dietrich Bonhoeffer hat dies berühmte Gedicht kurz vor seiner Ermordung im Gefängnis geschrieben, Weihnachten 1944, und in seinem letzten Brief an seine Braut gibt er eine ganz konkrete Erklärung dafür, was er unter den „guten Mächten“ versteht.
Er schreibt: „Du, die Eltern, ihr alle, die Freunde und die Studenten an der Front, sie alle sind für mich stets gegenwärtig. Deine Gebete, gute Gedanken, Worte aus der Bibel, längst vergangene Gespräche, Musikstücke und Bücher, das alles gewinnt Leben und Realität wie nie zuvor. Es ist eine große, unsichtbare Welt, in der man lebt. An ihrer Realität gibt es keinen Zweifel. Wenn es in dem alten Kirchenlied von den Engeln heißt: zwei um mich zu decken, zwei um mich zu wecken, so ist die Bewahrung durch gute unsichtbare Mächte am Morgen und in der Nacht etwas, das Erwachsene heute genau so brauchen wie Kinder“.
 

Gebete, gute Gedanken, Bibelworte, Gespräche all das nennt Bonhoeffer als „gute Mächte“, als unsichtbare Welt, die einen umgibt. Von guten Mächten geborgen – das heißt: Du bist nicht allein, ein einsames Ich im Kampf gegen eine absurde, sinnlose, kalte Außenwelt, sondern du bist umgeben und getragen von einem Kraftfeld des Guten, von einem Wärmestrom, von dem unsichtbaren Christus, der auf vielfältige Weise wirkt, nicht nur in deinem Kopf und Herzen, sonder auch um dich herum, und der viele Kräfte und Mächte und Menschen in seinen Dienst nimmt. Ja, solche Engel gibt’s. ….
 

(c)Pastor Johannes Krause-Isermann, 2002, Münster- Hiltrup 

 

Das Bild zu diesem Artikel mit freundlicher Genehmigung des Künstlers IVOI 

 

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