Januar 17, 2011 | In: Engel
Der Engel auf meinem Totenhemd

Der Engel auf meinem Totenhemd
Wie verpackt man mich als Toten? Ich weiß es nicht. Sicher nicht in eine durchsichtige Folie. Wer will mich denn so nehmen? Womöglich geschenkt. Also denk ich mir, man wird mich auf anständige Art entsorgen. So mit Hemd an. Und Sarg aus Eiche. Meinetwegen aus Pappe. So trägt es sich leichter, mein Erdmöbel. Brennt auch schneller. Wenn ich brennen soll. Ob sie mir das geerbte Leichenhemd anziehen? Das Gute. Noch vom Omchen seelig. Hatte sie schon als Mädchen in der Aussteuer. Für ihren Zukünftigen.
Also das Hemd. So aus reinem Leinen. Alles selbstgemacht. Den Flachs auf dem Feld mit der Hand gerauft und gebunden. Jetzt ab in den Teich. Bretter drauf. Dicke Steine dazu. Verrotten lassen. Später in den Backofen geschoben. Aber vorher das Brot herausgenommen.
Ich schreib das hier. Man kennt das ja nicht mehr. Totenhemden jeder Art gibt es ja heute überall zu kaufen. Nach dem Rösten, das Flachsbrechen. Das Hecheln. Das Kämmen. In der dunklen Zeit, wenn die letzten Gänse zogen und mit lauten Stimmen ihren Abschiedsgruß sangen, gesponnen bis zum Wadenkrampf. In großer Runde. Ein Hof um den anderen. Reihum. Spinnabende. Später auf dem Klapperwebstuhl gewebt und fertig. Na fast. Jetzt ab damit auf die Bleiche. Bei Mondschein. Immer mit der Gießkanne drüber. Aber aufpassen. Die Enten scheißen, wohin sie wollen. Oder der Wäscheklau. Leute holt die Wäsche rein, die Zigeuner kommen. Solche bösen Sprüche. Nun noch zuschneiden und nähen. Alles mit der Hand. Nähmaschine gab keine nicht. Nicht mal auf dem adeligen Gutshof im Nachbardorf.
Schönes Hemd. So mit langen Ärmeln. Aber ohne Taschen. Hinten zum zumachen. Beim Karrenjud gekauft, die Knöpfe. Sechs Stück. Vorn auf der linken Hemdseite, etwas mehr mittig, ein kleiner Engel in Herzblutfarben. Aufgestickt.
Aber anprobieren, das nicht. Durfte nicht sein. Gibt Unglück wenn einer zu Lebzeiten.
Später, der Ohm, ihr Mann, der ja.
Aber wo wird es nich geben, hat er gerufen und gelacht, als das Omchen die Küchentür aufmachte, den Ohm am warmen Kachelofen stehen sah. Hat das Mensch sein Sterbehemd an. Unten die stachligen Beine. Steht das Mensch da in seinen Schlorren, Hemd hinten offen. War ja keiner, der es ihm hat zugeknöpft.
Seine Rosa ließ vor Schreck den Milcheimer fallen. Hat nur immerzu geschrien, daß es Unglück gibt, wenn einer sein Totenhemd anzieht, bevor er gestorben. Hat sich die Haare gerauft, das Omchen, daß ihr Dutt seine Fassung verlor. Hat so gejammert, daß die Nachbarsche die Ohren aufstellte und vor sich hinbrabbelte: Na, nu wird se gepriejelt. War schon lang fällig.
Da sagen wir jetzt, wurde sie nicht. War nicht fällig. Die beiden Altchen lebten friedlich und gottesfürchtig miteinander, nebeneinander, so gut wie nie gegeneinander. Aber so nicht.
Abergläubisch war der nicht, der Ohm. Höchstens, daß er mal Toi Toi Toi gerufen und dreimal auf den Tisch klopfte. Mehr so ein Brauch. Machten ja alle. Sogar der Bischof. Kirchweihe. Kommt vierspännig vorgefahren. Steigt aus. Reibt sich die Hände. Spuckt heimlich dreimal hinter sich auf die Erde und ruft: Nu, da wollen wir zur Tat schreiten.
Also das Hemd. Seine Rosa rein dammlich. Wollte sich nicht beruhigen.
Hörte erst auf, nachdem der Ohm mit seinem Jagdgewehr durchs offene Fenster geschossen und so dem Gekeife ein Ende bereitete, worauf das Omchen vor Schreck in Ohnmacht viel.
Nun aber schrie die Nachbarsche. „Er hat sie totgemacht. Er hat sie totgemacht“, rief sie mit sich überschlagener Stimme im davonrennen.
Als die ersten Dorfbewohner angerannt kamen, zeigt sie mit zittrigen Fingern auf den Hof und brabbelte immerzu teraz go mają!, teraz go mają!, jetzt ist er dran, jetzt ist er dran. Oder auch, jetzt haben sie ihn, jetzt haben sie ihn.
Als geraume Zeit später das halbe Dorf vor dem Hof stand und der Gendarm im Namen des Kaisers Einlaß begehrte, da saßen Ohm und Omchen friedlich am Küchentisch. Das Totenhemd ordentlich zusammengelegt auf der Ofenbank. Das Jagdgewehr an seinem Platz im verschlossenen Schrank.
Es gab Pellschucken mit Spirkel.
Beide beteuerten, daß sie keinen Schuß gehört und wenn wer geschrien hätte, dann sei das doch sicher von der Nachbarschen gekommen, von der man ja wisse, daß die nicht richtig im Kopf sei.
Jetzt haben wir nur noch zu erzählen, was nach dem Schuß passierte.
Also, der Ohm sah die Nachbarsche rennen und hörte was sie schrie. Flink setzte er seine Rosa auf einen Stuhl. Schob diesen soweit an den Küchentisch, daß das Omchen weder zurück noch seitlich umfallen konnte. Nur nach vorn. Aber da hielt er ihr das Riechsalz unter die Nase. Schnell war sie wieder zurück. Er schüttete in Windeseile die Schucken auf den Tisch. Stellte die Pfanne mit Spirkel dazu. In letzter Sekunde schärfte er ihr ein, nur ja den Mund zu halten und ihn nur machen zu lassen. Und: Wir reden später darüber. Das Weitere kennen wir ja schon.
Nachdem die Dorfleute kehrt gemacht und Ruhe eingekehrt, gelobte der Ohm eine Wallfahrt, nach Święta Lipka, nach Heilig Linde. Und als Zugabe eine Messe für die unbekannten Toten. Hat noch genuschelt, der Ohm: Wenn ich mal tot bin. Und: Das Hemd zieh ich nicht an. Und: Das kratzt.
Wo er recht hat, da hat er recht. Wie soll einer sich kratzen, wenn es ihm wo juckt? Ich meine, so als Gestorbener.
So kam es auch. Sein letztes Hemd, das war aus feinster ägyptischer Mako Baumwolle. Reißfest und mit Einlauf-Garantie.
Jetzt hab ich das Totenhemd mit dem aufgestickten Engel. Aber mich juckt das nicht. Mir ist es egal.
PS. Sein Totenhemd zu fotografieren bringt Unglück, sagen die Alten. Darum hab ich es für Sie abgemalt.
4 Responses to Der Engel auf meinem Totenhemd
Lutic
Juni 2nd, 2011 at 10:07 am
Die Zeit nach dem Tot gehört mir alleine, mein Körper dagegen gehört denen die zurückbleiben. Daher überlasse ich denen die Entscheidung.
Lutic
Silke
Oktober 10th, 2011 at 1:14 pm
mein Totenhemd habe ich nähenlassen und es liegt nun in einer Wäschetruhe für den “Tag X” bereit.
Himmelblau ist es mit ganz dezenten Rüschen vorne und dort auf der Brust, wo bei Deinem ein Engel zu erkennen ist, habe ich eine Blumenranke aufsticken lassen.
engelchen
November 24th, 2011 at 3:40 pm
Eine gute Idee sich sein letztes Hemd selbst zu nähen oder nähen zu lassen. Aber in der heutigen Zeit gibt es sicher auch dafür Vorschriften. Welche Materialien können verwendet werden? Dürfen kleine Steine wie z.B. Zirkonia mit angebracht werden? Obwohl mir das schlichte ehr zusagt sind die Geschmäcker ja sehr unterschiedlich und man sollte sich lieber vorher erkundigen was erlaubt ist und was nicht.
Silke
Januar 26th, 2012 at 11:38 am
hab Deinen Kommentar erst heute gelesen.
Das Hemd/Gewand muß aus natürlichen verrottbaren Materialien sein.
Baumwolle z.b. oder Seide gingen auf jeden Fall.
Eine kleine Applikation, Ziersteinchen oder ähnlich dürfen aber ruhig daran sein. Das ist kein Problem.
Auch Totenhemden aus dem Sortiment des Bestatters sind teilweise mit
Zierknöpfen, Strasssteinchen o.ä. versehen.